Dynamik der Veränderung
Die ehemalige Intendantin des schauspielfrankfurt
Elisabeth Schweeger über die Kraft der Phantasie
Die Welt ist so komplex geworden, dass unsere Wahrnehmungsinstrumente
beständig überfordert sind. Statt zu agieren, reagieren wir nur mehr. In dem
Versuch sich ständig aufs Neue an die sich verändernden Realitäten
anzupassen, drohen wir unserer Handlungsfähigkeit verlustig zu gehen. Denn
wir befinden uns in einer Realität, auf die wir keinen Blick mehr werfen
können, weil uns die Möglichkeit zur Distanz abhanden gekommen ist. Solche
atemberaubenden Lebensbedingungen machen krank.
An der Arbeit von medico gefällt mir das Bestreben, der Übermacht eines
prekären Alltags, wo immer möglich Spiel-Räume entgegenzusetzen, in denen
eine kritische Reflexion der Realität entstehen kann. Dies geschieht in dem
Bewusstsein, dass dort, wo der Raum für eine lebendige und selbstbestimmte
Kultur schwindet, Depression und Gewalt wachsen.
Als Beispiel kommt mir die von medico unterstützte Filmwerkstatt in Kabul in
den Sinn. Dass eine sozialmedizinische Hilfsorganisation die Ausbildung von
Filmemachern für eine elementare Voraussetzung von Gesundheit hält,
erscheint mir bemerkenswert. Aber genau hier ereignet sich eine
unkontrollierte Aneignung des öffentlichen Raumes und der eigenen
Geschichte. Die unwürdigen Lebensverhältnisse werden thematisiert; die
Dynamik der Veränderung in Gang gesetzt.
Auch in der Arbeit in Brasilien, wo medico im Kampf gegen die
Marginalisierung der Armen gezielt auf kulturelle Projekte setzt, sehe ich
Momente der Selbstbehauptung in einer durch-ökonomisierten Welt. Dabei
handelt es sich nicht um eine Kultur der Anpassung, sondern um bewusste
Förderung von Kreativität und Eigeninitiative. Die Paradoxie ermöglicht eine
andere Wahrnehmung. Kinder, die sonst nur als »Sicherheitsproblem«
betrachtet und abgeschoben werden, geben selbstbewusste Theatervorstellungen
vor einem Publikum, das ihnen sonst nichts als Kriminalität zutraut.
Zementierte Sichtweisen geraten ins Wanken. Das ist eine Voraussetzung für
Veränderung.
Das Theater ist für mich einer der wenigen Orte, die es wagen, mit Phantasie
dem Stillstand entgegenzuwirken. Dass sich medico der Wiederherstellung des
immer Gleichen verweigert und mit seinen Partnern eine Phantasie der
Veränderung teilt, ist überaus unterstützenswert. |
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Foto: Erika Fernschild |