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    stiftung medico international • Frankfurt/Main  01.08.2010 
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Elisabeth Schweeger

Dynamik der Veränderung

Die ehemalige Intendantin des schauspielfrankfurt
Elisabeth Schweeger über die Kraft der Phantasie
 

Die Welt ist so komplex geworden, dass unsere Wahrnehmungsinstrumente beständig überfordert sind. Statt zu agieren, reagieren wir nur mehr. In dem Versuch sich ständig aufs Neue an die sich verändernden Realitäten anzupassen, drohen wir unserer Handlungsfähigkeit verlustig zu gehen. Denn wir befinden uns in einer Realität, auf die wir keinen Blick mehr werfen können, weil uns die Möglichkeit zur Distanz abhanden gekommen ist. Solche atemberaubenden Lebensbedingungen machen krank.

An der Arbeit von medico gefällt mir das Bestreben, der Übermacht eines prekären Alltags, wo immer möglich Spiel-Räume entgegenzusetzen, in denen eine kritische Reflexion der Realität entstehen kann. Dies geschieht in dem Bewusstsein, dass dort, wo der Raum für eine lebendige und selbstbestimmte Kultur schwindet, Depression und Gewalt wachsen.

Als Beispiel kommt mir die von medico unterstützte Filmwerkstatt in Kabul in den Sinn. Dass eine sozialmedizinische Hilfsorganisation die Ausbildung von Filmemachern für eine elementare Voraussetzung von Gesundheit hält, erscheint mir bemerkenswert. Aber genau hier ereignet sich eine unkontrollierte Aneignung des öffentlichen Raumes und der eigenen Geschichte. Die unwürdigen Lebensverhältnisse werden thematisiert; die Dynamik der Veränderung in Gang gesetzt.

Auch in der Arbeit in Brasilien, wo medico im Kampf gegen die Marginalisierung der Armen gezielt auf kulturelle Projekte setzt, sehe ich Momente der Selbstbehauptung in einer durch-ökonomisierten Welt. Dabei handelt es sich nicht um eine Kultur der Anpassung, sondern um bewusste Förderung von Kreativität und Eigeninitiative. Die Paradoxie ermöglicht eine andere Wahrnehmung. Kinder, die sonst nur als »Sicherheitsproblem« betrachtet und abgeschoben werden, geben selbstbewusste Theatervorstellungen vor einem Publikum, das ihnen sonst nichts als Kriminalität zutraut. Zementierte Sichtweisen geraten ins Wanken. Das ist eine Voraussetzung für Veränderung.

Das Theater ist für mich einer der wenigen Orte, die es wagen, mit Phantasie dem Stillstand entgegenzuwirken. Dass sich medico der Wiederherstellung des immer Gleichen verweigert und mit seinen Partnern eine Phantasie der Veränderung teilt, ist überaus unterstützenswert.

 


Foto: Erika Fernschild

 

 

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