Opfer brauchen nicht nur Hilfe
Der Rechtsanwalt und Staatsminister a.D.
Rupert von Plottnitz fordert Rechtssicherheit
Mit einer weltweiten Kampagne ist es medico international in den 90er
Jahren gelungen, die völkerrechtliche Ächtung von Antipersonen-Minen
durchzusetzen. Seitdem ist der Einsatz dieser Minen völkerrechtlich illegal
und verboten. Nach wie vor aber gibt es – von der Streubombe bis zu der
zynisch als »Daisy Cutter« verharmlosten Benzinbombe – Waffen und
Waffensysteme, bei deren Einsatz tödliche Risiken für große Teile der
jeweils betroffenen Zivilbevölkerung skrupellos akzeptiert und in Kauf
genommen werden. Und nach wie vor bleiben die Opfer und ihre Angehörigen als
Individuen meist rechtlos, wenn sie als Teil der Zivilbevölkerung zum
Kriegsziel und zum Opfer militärischer Einsätze geworden sind. Im Rahmen
der Intervention im früheren Jugoslawien flogen Flugzeuge der NATO am
30.05.1999 einen Luftangriff auf eine Brücke im serbischen Varvarin, in
deren Nähe es weit und breit keine Soldaten gab. Bei dem Angriff gab es 10
Tote und 30 Verletzte, ausschließlich Angehörige der zivilen Bevölkerung.
Einige der Opfer und Opferangehörigen erhoben Klage gegen die Bundesrepublik
Deutschland als einem der beteiligten NATO-Staaten. Im (noch nicht
rechtskräftigen) klageabweisenden Urteil des Landgerichtes Bonn vom
10.12.2003 heißt es dazu lapidar: »Die geltend gemachten Ansprüche finden
weder im Völkerrecht noch im deutschen Staatshaftungsrecht eine rechtliche
Grundlage«. Es ist ziemlich grotesk: Einerseits gewinnt die
völkerrechtliche Einsicht an Gewicht, dass die Staatssouveränität kein
sicherer Schutzraum mehr für Regierungen sein kann, die ihre eigene
Bevölkerung zum Opfer von Genozid, von Massakern oder sonstigen
Massenverbrechen machen. Andererseits soll es dort, wo zivile Personen
vorsätzlich oder fahrlässig zum Opfer militärischer Einsätze werden,
Schadensersatzansprüche nach wie vor nur im Verhältnis souveräner Staaten
untereinander, nicht aber zugunsten der betroffenen Individuen und ihrer
Angehörigen geben. Ohne die Hilfe, die medico international in vielen
Regionen leistet, wäre die Welt ärmer. Die Arbeit von medico international
erinnert aber auch schmerzlich daran, wie groß die Lücken im nationalen wie
im internationalen Recht noch immer sind, wenn es um die individuellen
Rechte derer geht, für deren Schicksal sich medico international engagiert.
medico international hat sich immer für diese Rechte eingesetzt. Dabei
verdient es jede Unterstützung. |
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