Gerechtigkeit und Vernunft
Der Schweizer Autor und Psychoanalytiker Paul Parin über die historische
und politische Dimension einer solidarischen Hilfe
Im vorletzten Jahr des Zweiten Weltkriegs, 1944, gingen wir, sechs Ärzte
und eine Operationsschwester, als Freiwillige aus der Schweiz nach
Jugoslawien, um in der Partisanenarmee Titos als Chirurgen zu arbeiten. Es
gab keinen Zweifel, wem unsere Hilfe zukommen sollte. Der Krieg teilte die
Mächte in Faschisten und Antifaschisten.
Wenige Jahre zuvor hatte die Eidgenossenschaft, geleitet von ihrer
opportunistischen Politik, der damals siegreichen Deutschen Armee eine
»neutrale« chirurgische Mission zur Verfügung gestellt. Vierhundert Ärzte
und Hilfspersonal blieben durchschnittlich vier Monate in Spitälern der
Südostfront bei Smolensk. Jeder einzelne Teilnehmer musste sich schriftlich
verpflichten, ausschliesslich deutsche Verwundete zu behandeln. Russischen
Kriegsgefangenen oder Zivilpersonen durften sie keine Beachtung schenken.
Ausserdem wurden sie verpflichtet, Stillschweigen über alles zu bewahren,
was sie bei ihrem Einsatz beobachtet hatten.
Nach dem Mai 1945 zögerte die Eidgenossenschaft allerdings nicht, unsere
Gruppe, die von der während des Spanischen Bürgerkrieges gegründeten
Schweizer Ärzte- und Sanitätshilfe »Centrale Sanitaire Suisse« (CSS)
organisiert wurde, als Beweis dafür anzuführen, dass sich die Schweiz im
Krieg neutral verhalten habe; man habe beiden Seiten humanitäre Hilfe
gebracht. Die offizielle, aus Steuern finanzierte Hilfe kostete etwa
tausendmal mehr als unsere Mission, die von der CSS aus Spendengeldern
finanziert wurde.
Seit einigen Jahren arbeitet die CSS mit medico international zusammen; 2003
hat sie sich in medico international Schweiz umbenannt. Beide Organisationen
verfolgen die gleichen Ziele: Sie wollen Verwundeten und Geschädigten
helfen. Ihr Einsatz gilt nicht irgendwelchen Leidenden. Sie wenden sich
denen zu, die zu Opfern grausamer Aggression, von Unterdrückung und
Ausbeutung geworden sind. Diese erfahren von ihren Helfern menschliche
Zuwendung; mit ihnen teilen sie die Hoffnung, dass Kriege und Unterdrückung
endlich aufhören, dass die Welt friedlich und gerecht wird. In den letzten
zweihundert Jahren hat die technische Entwicklung enorme Fortschritte
gemacht. Tatsächlich bestünde heute die Möglichkeit, die Güter der Welt so
zu verteilen, damit Elend und Hunger schliesslich verschwinden. Die
Geschichte hat auch einer Gruppe von Menschen Raum gegeben, die von
Gerechtigkeit und Vernunft nicht nur reden wollen. Sie müssen handeln. Sie
haben begriffen, dass jeder dem eigenen Gewissen folgen muss und den
Hilfsbedürftigen jener Respekt geschuldet ist, der ihnen bislang verwehrt
wird. Kein gut gemeintes humanitäres Programm, das sich auf nationale,
religiöse oder andere Ideale beruft, kann tätige menschliche Solidarität
ersetzen.
Medico international ist bei weitem nicht die einzige Stelle, die das
erkannt hat. Auch palästinensische und israelische Ärzte überschreiten
militärische Grenzen, und vor allem die Grenzen, die Rachedurst und Hass
gezogen haben, um ihren medizinischen Verpflichtungen gerecht zu werden –
und werden dabei von medico unterstützt. medico Deutschland und medico
Schweiz, die eine seit 1968, die andere seit 1936, trachten danach, wo immer
möglich Inseln globalisierter Menschlichkeit zu schaffen. |
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Foto: Johannes Roether |