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    stiftung medico international • Frankfurt/Main  07.02.2012 
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Paul Parin

Gerechtigkeit und Vernunft

Der Schweizer Autor und Psychoanalytiker Paul Parin über die historische und politische Dimension einer solidarischen Hilfe
 

Im vorletzten Jahr des Zweiten Weltkriegs, 1944, gingen wir, sechs Ärzte und eine Operationsschwester, als Freiwillige aus der Schweiz nach Jugoslawien, um in der Partisanenarmee Titos als Chirurgen zu arbeiten. Es gab keinen Zweifel, wem unsere Hilfe zukommen sollte. Der Krieg teilte die Mächte in Faschisten und Antifaschisten.

Wenige Jahre zuvor hatte die Eidgenossenschaft, geleitet von ihrer opportunistischen Politik, der damals siegreichen Deutschen Armee eine »neutrale« chirurgische Mission zur Verfügung gestellt. Vierhundert Ärzte und Hilfspersonal blieben durchschnittlich vier Monate in Spitälern der Südostfront bei Smolensk. Jeder einzelne Teilnehmer musste sich schriftlich verpflichten, ausschliesslich deutsche Verwundete zu behandeln. Russischen Kriegsgefangenen oder Zivilpersonen durften sie keine Beachtung schenken. Ausserdem wurden sie verpflichtet, Stillschweigen über alles zu bewahren, was sie bei ihrem Einsatz beobachtet hatten.

Nach dem Mai 1945 zögerte die Eidgenossenschaft allerdings nicht, unsere Gruppe, die von der während des Spanischen Bürgerkrieges gegründeten Schweizer Ärzte- und Sanitätshilfe »Centrale Sanitaire Suisse« (CSS) organisiert wurde, als Beweis dafür anzuführen, dass sich die Schweiz im Krieg neutral verhalten habe; man habe beiden Seiten humanitäre Hilfe gebracht. Die offizielle, aus Steuern finanzierte Hilfe kostete etwa tausendmal mehr als unsere Mission, die von der CSS aus Spendengeldern finanziert wurde.

Seit einigen Jahren arbeitet die CSS mit medico international zusammen; 2003 hat sie sich in medico international Schweiz umbenannt. Beide Organisationen verfolgen die gleichen Ziele: Sie wollen Verwundeten und Geschädigten helfen. Ihr Einsatz gilt nicht irgendwelchen Leidenden. Sie wenden sich denen zu, die zu Opfern grausamer Aggression, von Unterdrückung und Ausbeutung geworden sind. Diese erfahren von ihren Helfern menschliche Zuwendung; mit ihnen teilen sie die Hoffnung, dass Kriege und Unterdrückung endlich aufhören, dass die Welt friedlich und gerecht wird.

In den letzten zweihundert Jahren hat die technische Entwicklung enorme Fortschritte gemacht. Tatsächlich bestünde heute die Möglichkeit, die Güter der Welt so zu verteilen, damit Elend und Hunger schliesslich verschwinden. Die Geschichte hat auch einer Gruppe von Menschen Raum gegeben, die von Gerechtigkeit und Vernunft nicht nur reden wollen. Sie müssen handeln. Sie haben begriffen, dass jeder dem eigenen Gewissen folgen muss und den Hilfsbedürftigen jener Respekt geschuldet ist, der ihnen bislang verwehrt wird. Kein gut gemeintes humanitäres Programm, das sich auf nationale, religiöse oder andere Ideale beruft, kann tätige menschliche Solidarität ersetzen.

Medico international ist bei weitem nicht die einzige Stelle, die das erkannt hat. Auch palästinensische und israelische Ärzte überschreiten militärische Grenzen, und vor allem die Grenzen, die Rachedurst und Hass gezogen haben, um ihren medizinischen Verpflichtungen gerecht zu werden – und werden dabei von medico unterstützt. medico Deutschland und medico Schweiz, die eine seit 1968, die andere seit 1936, trachten danach, wo immer möglich Inseln globalisierter Menschlichkeit zu schaffen.

 


Foto: Johannes Roether

 

 

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