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    stiftung medico international • Frankfurt/Main  01.08.2010 
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Margarete Mitscherlich-Nielsen

Aufarbeitung von Gewalterfahrung

Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich-Nielsen
über die Bedeutung der psychosozialen Gesundheit
 

Die Beschäftigung mit den Schrecken der Vergangenheit ist keine Belanglosigkeit. Fortgesetzte Gewalt und Unfreiheit resultieren auch daraus, daß die Zerrüttungen, die Kriege und Gewaltherrschaft in den Menschen anrichten, nicht genügend bearbeitet werden.

Gerade für Nachkriegsgesellschaften ist es von enormer Bedeutung, wenn die negativen Gefühle, die mit der Erfahrung von Gewalt und Tod verbunden sind, wenn Angst, Schuld und Scham nicht einfach nur verdrängt werden. Ohne die Bearbeitung der seelischen Wunden und ohne die Anerkennung des gesellschaftlichen Ursprungs des erlittenen Leids gelingt auch die Wiedererlangung des sozialen Friedens nicht.

So verständlich der Wunsch sein mag, die Geschichte möglichst rasch Geschichte sein zu lassen, um den Blick nach vorne zu richten, so sehr kann gerade dieser Wunsch in die Irre führen. Nur die Erinnerungsarbeit vermag die Zukunft von der Last der Vergangenheit zu befreien. Sie lehrt die Individuen wie die Gesellschaft, sich die eigene Beteiligung an Kriegen, Gewalt und Leiden bewusst zu machen und dadurch Wiederholungen zu vermeiden. Frieden und Demokratie können nicht von außen verordnet werden, sie müssen sich von innen her entwickeln. Dabei freilich kann Hilfe von außen großen Anteil haben. Und das gefällt mir an der Arbeit von medico international: dass bei allem Bemühen um Entwicklung und Wiederaufbau gerade der psychosozialen Seite von Gesundheit große Beachtung eingeräumt wird. Aufmerksam wurde ich auf medico Mitte der 80er Jahre über die Psychoanalytikerin Marie Langer, die sich damals in Nicaragua engagierte. Unterstützt von medico half Marie Langer bei der Reformierung der nicaraguanischen Psychiatrie, der Entwicklung neuer Curricula für die Medizinerausbildung und bei der Versorgung von Kriegsopfern.

Heute gehört die Beschäftigung mit den Fragen psychosozialer Gesundheit zu den Schwerpunkten von medico international. Die Betreuung von Folteropfern zählt dazu, die soziale Wiedereingliederung von Kindersoldaten, die Aufarbeitung von Gewalterfahrungen auf Dorfebene ebenso wie im Kontext von nationalen Wahrheitskommissionen, wie in Südafrika oder Sierra Leone. Von ganz besonderer Bedeutung scheint mir der von medico geförderte Aufbau einer weltweiten Assoziation von Psychotherapeutinnen, Sozialarbeitern und Psychologen, die gemeinsam darüber nachdenken, wie sie den neuen psychosozialen Herausforderungen in der globalisierten Welt entsprechen können. Dabei geht es nicht zuletzt um die Globalisierung des kritischen Gehalts des psychoanalytischen Denkens.

 


Foto: dpa

 

 

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