Aufarbeitung von Gewalterfahrung
Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich-Nielsen
über die Bedeutung der psychosozialen Gesundheit
Die Beschäftigung mit den Schrecken der Vergangenheit ist keine
Belanglosigkeit. Fortgesetzte Gewalt und Unfreiheit resultieren auch daraus,
daß die Zerrüttungen, die Kriege und Gewaltherrschaft in den Menschen
anrichten, nicht genügend bearbeitet werden.
Gerade für Nachkriegsgesellschaften ist es von enormer Bedeutung, wenn die
negativen Gefühle, die mit der Erfahrung von Gewalt und Tod verbunden sind,
wenn Angst, Schuld und Scham nicht einfach nur verdrängt werden. Ohne die
Bearbeitung der seelischen Wunden und ohne die Anerkennung des
gesellschaftlichen Ursprungs des erlittenen Leids gelingt auch die
Wiedererlangung des sozialen Friedens nicht.
So verständlich der Wunsch sein mag, die Geschichte möglichst rasch
Geschichte sein zu lassen, um den Blick nach vorne zu richten, so sehr kann
gerade dieser Wunsch in die Irre führen. Nur die Erinnerungsarbeit vermag
die Zukunft von der Last der Vergangenheit zu befreien. Sie lehrt die
Individuen wie die Gesellschaft, sich die eigene Beteiligung an Kriegen,
Gewalt und Leiden bewusst zu machen und dadurch Wiederholungen zu vermeiden.
Frieden und Demokratie können nicht von außen verordnet werden, sie müssen
sich von innen her entwickeln. Dabei freilich kann Hilfe von außen großen
Anteil haben. Und das gefällt mir an der Arbeit von medico international:
dass bei allem Bemühen um Entwicklung und Wiederaufbau gerade der
psychosozialen Seite von Gesundheit große Beachtung eingeräumt wird.
Aufmerksam wurde ich auf medico Mitte der 80er Jahre über die
Psychoanalytikerin Marie Langer, die sich damals in Nicaragua engagierte.
Unterstützt von medico half Marie Langer bei der Reformierung der
nicaraguanischen Psychiatrie, der Entwicklung neuer Curricula für die
Medizinerausbildung und bei der Versorgung von Kriegsopfern.
Heute gehört die Beschäftigung mit den Fragen psychosozialer Gesundheit zu
den Schwerpunkten von medico international. Die Betreuung von Folteropfern
zählt dazu, die soziale Wiedereingliederung von Kindersoldaten, die
Aufarbeitung von Gewalterfahrungen auf Dorfebene ebenso wie im Kontext von
nationalen Wahrheitskommissionen, wie in Südafrika oder Sierra Leone. Von
ganz besonderer Bedeutung scheint mir der von medico geförderte Aufbau einer
weltweiten Assoziation von Psychotherapeutinnen, Sozialarbeitern und
Psychologen, die gemeinsam darüber nachdenken, wie sie den neuen
psychosozialen Herausforderungen in der globalisierten Welt entsprechen
können. Dabei geht es nicht zuletzt um die Globalisierung des kritischen
Gehalts des psychoanalytischen Denkens. |
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dpa |