Menschenwürdiges Wohnen
Der Architekt Diwi Dreysse über Bauen und Gesundheit
Bei meinem ersten Aufenthalt in Nicaragua 1987 lernte ich die Arbeit und
die handelnden Personen von medico international kennen. Ich plante damals
das »Haus der Drei Welten« in Granada, ein Projekt von Ernesto Cardenal und
Dietmar Schönherr, das sich inzwischen zu einer
der bedeutendsten Kultureinrichtungen Mittelamerikas entwickelt hat. medico
konnte mir wichtige Informationen über umweltgerechtes und
klimatisch-gesundes Bauen vermitteln. Denn medico war schon einige Jahre in
Nicaragua engagiert und baute nicht nur Gesundheitsposten und -zentren,
sondern am Rio San Juan auch einen den tropischen Umweltbedingungen
angepassten Krankenhauskomplex. Zur Verantwortung von medico zählte die
Organisation des gesamten Bauprozesses von der lokalen Baustoffgewinnung
über die Baulogistik der einzelnen Gewerke bis hin zur Ausbildung und
Selbstorganisation von Handwerkern. Aus jeder Baustelle wurde so eine
Lehrbaustelle, die den Grundstein für ein selbstständiges Wirtschaften
bildete. medico leistet nicht nur medizinische Hilfe, wenn Notsituationen
entstanden sind oder wenn es gilt, ein Versorgungsnetz aufzubauen. medico
bekämpft vor allem die vermeidbaren Ursachen von Armut und Krankheit.
Gesündere und auskömmliche Lebensgrundlagen können Krankheiten verhindern
oder zumindest verringern. Deswegen regte medico schon damals die Konzeption
von neuen Häusern und Siedlungen an. Einfache, feste und selbstgebaute
Häuser mit mehreren Zimmern, Kochstelle, Wasseranschluss, Latrine und
Nutzgarten wurden als der unterste soziale und hygienische Standard
definiert. Als dann 1998 der Hurrikan Mitch große Teile Nicaraguas
verwüstet hatte, beteiligte sich medico mit genau diesem Standard am Aufbau
neuer Dörfer. In der Nähe von Leon entstand das Dorf EI Tanque, das heute
250 Familien eine neue sichere Lebensgrundlage bietet. Weil mit dem Bau von
menschenwürdigen Wohnverhältnissen auch das Fundament für gesündere
Lebensbedingungen gelegt wird, muss sich eine wirkungsvolle
Gesundheitsförderung auch mit Stadtplanung und Architektur beschäftigen.
Von der stiftung medico international erwarte ich mir, dass die Verbindung
von Bauen und Gesundheit, so wie sie Alexander Mitscherlich in seiner Kritik
über die »Unwirtlichkeit der Städte« gefordert hat, gefördert wird und
überall, so auch in Ländern wie Nicaragua, Beachtung findet. |
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Foto: Architekten ABS |