Selbstheilungskräfte stärken
Der Arzt Mathis Bromberger über die
medizinische Wirkung der Partizipation
Seit über 30 Jahren verfolge ich die Arbeit von medico international.
1971 fuhr ich mit einem kleinen medico-Team nach Bangladesh, um Flüchtlingen
aus dem Unabhängigkeitskrieg mit ärztlicher Hilfe zur Seite zu stehen. Unser
Einsatz war absolut notwendig. In den Lagern, die der Monsun-Regen in reine
Seenlandschaften verwandelt hatte, grassierte die Cholera. Wir konnten
vielen Menschen helfen und deren Leiden lindern. Doch als wir wieder
weggingen, ließen wir die Menschen in ihrem Elend zurück. Um Krisen
dauerhaft zu überwinden, reicht es nicht, nur ihre humanitären Auswirkungen
zu behandeln. Auch für die medizinische Entwicklungshilfe gilt, was für die
hiesige Medizin entscheidend ist. Ohne die aktive Beteiligung der Patienten,
ohne die Partizipation der Betroffenen, ist Heilung kaum möglich. Vielmehr
kann eine Hilfe, die sozusagen von außen einfällt, am Ende sogar noch die
Selbstheilungskräfte der Leute beeinträchtigen. Weil wir, die »weißen
Doktoren«, nicht überall in der Welt helfen können, wo Not und Krankheit
herrscht, habe ich den Entschluss von medico stets begrüßt, statt weiter
Ärzte und Krankenpfleger zu entsenden, künftig verstärkt vor Ort
Gesundheitsarbeiter auszubilden und parallel auf politischer Ebene gegen die
krankmachenden Lebensumstände anzukämpfen. Gesundheit ist eine politische
Angelegenheit. Zwar ist die Förderung lokaler Partner meist weniger
spektakulär als die Entsendung von Ärzten in Krisengebiete, doch kann medico
– vermittelt über seine Partner – heute selbst noch in Ländern tätig sein,
aus denen sich andere Helfer aufgrund von Unsicherheit zurückziehen müssen.
Die Zeiten seit 1971 haben sich sehr verändert. Angesichts der Zunahme von
Kriegen und Gewalt muss sich auch die ärztliche Hilfe ihrer sozialen
Verantwortung bewusst werden. Auch wenn Ärzte weiterhin als Ärzte tätig sein
werden, bleibt ihnen doch nichts anderes übrig, als sich einzumischen und
gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen in aller Welt für jene
Lebensbedingungen zu streiten, die Gesundheit ermöglichen. Und zum Glück
müssen heute auch die Helfer nicht mehr allein sein, sondern können sich wie
medico international dem People's Health Movement anschließen, einem
internationalen Netzwerk von Ärztinnen und Ärzten, Krankenpflegepersonal,
Pharmazeuten, Sozialarbeitern etc., das in Südostasien seinen Ursprung hat
und für das Recht auf Gesundheit aller Menschen eintritt. Von einer
stiftung medico international verspreche ich mir, dass die Förderung lokaler
Partner und die weltweite Vernetzung von Gesundheitsarbeitern künftig noch
mehr Nachdruck erfährt. |
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