StifterInnen erzählen

Sieben von vielen

Nachhaltige Veränderungen brauchen Zeit und einen langen Atem. Vermögen in eine Stiftung einzubringen, ist ebenfalls ein auf Dauer angelegtes Engagement. Hier erklären medico-Stifterinnen und -Stifter ihre Motivation, sich auf diese Weise einzusetzen.


Das Unternehmerpaar aus Gauting gehört zu den Gründungsstiftern. (Foto: Privat)

Kontinuität ermöglichen

Renate Zoller und Herbert Zipfel

Es begann Ende der 1980er Jahre mit einer medico-Anzeige in der Zeitschrift „konkret“. Worum es ging, weiß Renate Zoller heute nicht mehr genau, aber an die Wirkung erinnert sie sich noch gut: „Ich dachte: Ja, genau so ist es – da liegt der Hund begraben.“ Seitdem haben sie und ihr Mann Herbert Zipfel die Arbeit von medico verfolgt – und immer wieder finanziell unterstützt. „Wir finden es sehr überzeugend, dass medico bei akuten Notfällen nicht nur ein paar Zelte hinstellt, sondern Hilfe in seiner ganzen Breite versteht und die Ursachen der Not in den Blick nimmt“, so Renate Zoller. Meistens haben sie ohne Zweckbindung gespendet. „Wie sollten wir in Gauting bei München wissen, wo auf der Welt das Geld wie eingesetzt werden sollte? Wir haben großes Vertrauen, dass medico das durch die Nähe zu den Partnern vor Ort am besten entscheiden kann“, erklärt Herbert Zipfel.

Anfang des Jahrtausends suchten die beiden nach einer Möglichkeit, eine große Summe Geld einer Stiftung zukommen zu lassen. „Wir wollten unser Vermögen teilen“ – ein Vermögen, zu dem sie dadurch gekommen sind, dass sie weltweit Kinos mit Filmvorführtechnik ausgestattet haben. So kam es, dass ihre Zustiftung 2004 die Gründung der stiftung medico international mit auf den Weg brachte. „Spenden müssen ja zeitnah ausgegeben werden. Über die Stiftung wollten wir dazu beitragen, dass medico über Reserven verfügt und kontinuierlich arbeiten kann.“ Genauso kontinuierlich engagiert sich Herbert Zipfel seitdem im Stiftungskuratorium. Was eine Anzeige in einer Zeitschrift alles bewirken kann.
 

Bruno Haas ist als Philosoph an der Universität Göttingen tätig. (Foto: Privat)

Unabhängigkeit von Spendenkonjunkturen

Bruno Haas

Wenn man sich in komplizierte Konfliktfelder hineinbegibt und darin Position bezieht, ist das mutig, findet Bruno Haas. Und er sagt: „medico hat diesen Mut. Mich überzeugt zudem der Ansatz, Hilfe in Notsituationen nicht als Verteilung von Trostpflastern zu verstehen und wieder wegzugehen, sobald das Licht der Öffentlichkeit woanders hin gewandert ist, sondern als langfristigen Prozess.“ Schon seit langem fördert der gebürtige Darmstädter die Projekte von medico. Als er erfuhr, dass es neben dem Verein auch eine Stiftung gibt, hat er sich hier ebenfalls finanziell eingebracht. „Ich wollte helfen, die Arbeit auf ein stabiles Fundament zu stellen, das unabhängig von den Konjunkturen des Spendenaufkommens langfristig trägt.“

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Philosophischen Seminar der Universität Göttingen denkt Haas intensiv über Moral und Ethik, Veränderung, Gemeinschaft und Kriterien eines guten Lebens nach. Eine Erbschaft in jungen Jahren ermöglicht es ihm, sich über die philosophische Auseinandersetzung hinaus praktisch für Veränderungen zu engagieren – auch finanziell. Anstatt das geerbte Vermögen nur für sich zu verwenden, setzt er es überall dort ein, wo es für eine gerechtere und bessere Gesellschaft wirken kann. „Ich unterstützte vor allem politische Kampagnen und Projekte im Bereich der Entwicklungshilfe. Und wie man jetzt wieder an der Arbeit zur globalen Textilindustrie sieht, macht medico sogar beides.“

Die pensionierte Lehrerin aus Freiburg hat der STiftung ein Darlehen gegeben. (Foto: Privat)

Politisch verstandene Hilfe

Anne-Dorothea Segger

Nach Peru kam Anne-Dorothea Segger über einen Umweg. Entgegen ihrem Jugendwunsch, Entwicklungshelferin zu werden, hatte sie sich für den Beruf der Lehrerin entschieden. Weil ihr Interesse an globaler Gerechtigkeit aber nicht nachließ, ließ sie sich über den Auslandsschuldienst von 1985 bis 1989 an die deutsch-peruanische Humboldt-Schule in Lima versetzen. Folgenreich war das in mehrerlei Hinsicht: Segger lernte den Nord-Süd-Konflikt im konkreten Alltag vor Ort kennen und kam zu der Überzeugung, dass die Unterstützung Einzelner nichts an der strukturellen Ungleichheit ändert.

Gleichzeitig bildete der Auslandsschuldienst den Grundstock für ein kleines Vermögen. Es waren die Jahre des Leuchtenden Pfades, was der deutsche Staat mit einem ordentlichen „Zitterzuschlag“ vergütete. Dieses Vermögen nutzt Segger seitdem, um entwicklungspolitische Initiativen zu unterstützen. So hat sie in alter Verbundenheit zu Peru einen Fond geschaffen, mit dem vor Ort ein Projekt zur Integration von behinderten Menschen in den ersten Arbeitsmarkt finanziert wird.

Außerdem bringt sie mit Nachdruck die globale Dimension in der Bewegungsstiftung ein. Und weil sie von der Notwendigkeit eines politischen Verständnisses von Hilfe überzeugt ist, fühlt sie sich auch bei medico „sehr zu Hause“. Neben Spenden an den Verein hat Segger der Stiftung ein Darlehen gewährt – eine Förderform, bei der der Darlehensgeber das Geld auf Wunsch zurückerhalten kann. Doch das will sie eigentlich gar nicht. „Ich war zwei Mal lebensbedrohlich erkrankt. Da bedeutet es mir sehr viel, dass mein Beitrag auch über meinen Tod hinaus bei der Stiftung verbleiben und dauerhaft in meinem Sinne helfen kann.“
 

Das Paar ist auch in der Tübinger medico-Gruppe aktiv. (Foto: Privat)

Ein Nachlass, damit die Hilfe nicht nachlässt

Gabi und Peter Kaiser

In dem Dorf Ofterdingen in der Nähe von Tübingen steht direkt an dem Bach Steinlach eine 300 Jahre alte Mühle. Zwei Jahre lang haben Gabi und Peter Kaiser das Gebäude mühevoll renoviert. Die Mühle samt Grundstück steht aber auch in ihrem Testament. Als Begünstigten haben sie die stiftung medico international eingetragen. „Mir war es immer wichtig, etwas von dem, was ich habe, abzugeben. Schließlich darf man nie vergessen, dass es uns vergleichsweise sehr gut geht – selbst mir als Krankenschwester.“

Peter Kaiser kennt medico seit seinen Studentenjahren. So hat er im Kontext der Unterstützung der Widerstandsbewegung in El Salvador in den frühen 1980er Jahren Blutspenden Tübinger Studierender mitorganisiert und die Erlöse an medico gespendet. Auch Gabi Kaiser hat sich immer schon politisch engagiert, ganz früher einmal bei den Anti-Imps, dann bei den Ökosozialisten, in den 1990er Jahren schließlich im Tübinger Zentralamerika-Komitee (ZAK).

Als der Hurrikan Mitch im Jahr 1998 in Nicaragua verheerende Verwüstungen hinterließ, lernte auch sie die Arbeit von medico kennen. Die enge Partnerorientierung, der breite Gesundheitsbegriff, das umfassende Verständnis von Hilfe – all das hat ihr eine Sorge genommen: „Früher habe ich mir immer einen Kopf gemacht, welche Organisation mich so überzeugt, dass ich an sie spenden möchte. Das hat sich durch medico geändert.“ So ist sie auch in der aktuellen Tübinger medico-Gruppe aktiv, die Veranstaltungen mit Mitarbeitern aus Frankfurt oder medico-Partnern aus aller Welt organisiert.

Dr. Theo van der Marwitz arbeitet als Psychotherapeut in Bremen. (Foto: Privat)

Keine einfachen Wahrheiten

Theo von der Marwitz

Als 2014 in Frankfurt die medico-Ringvorlesung „Umkämpfte Psyche“ stattfand, konnte Theo von der Marwitz nicht teilnehmen. Sehr wohl aber hat er in Bremen die Beiträge über die Dokumentationen im Internet verfolgt. „Psychosoziale Themen fallen oft hinten runter. Es freut mich, dass medico und die medico-Stiftung hier einen Schwerpunkt haben und auf langfristige Konzepte setzen.“ Der Psychotherapeut mit psychoanalytischer Ausrichtung kennt medico bereits seit den 1980er Jahren – aus Nicaragua, wo er als Kinderarzt bei den Gesundheitsbrigaden dabei war und medico eine tragende Rolle gespielt habe. Seitdem sind die Frankfurter ein wichtiger Bezugspunkt für ihn. Neben der partnerorientierten Hilfe überzeugt ihn auch die Art der Spenderansprache: „Viele Hilfsorganisationen glauben, dass der Spender einfache Wahrheiten will. Sie halten ihn für dumm. medico hingegen setzt auf den informierten Spender und trägt zu seiner Informiertheit bei.“

In Bremen ist er bei Refugio aktiv, ein Zentrum, das sich um die psychosoziale und therapeutische Behandlung von Flüchtlingen und Folterüberlebenden kümmert. Zwischen dieser Arbeit und der von medico gibt es viele Schnittstellen. So hat Refugio zu seinem 20. Jahrestag Allassane Dicko vom malischen medico-Partner AME eingeladen. Trotz des Engagements vor Ort unterstützen er und seine Frau, die Psychoanalytikerin Ingrid von der Marwitz, auch medico finanziell, den Verein ebenso wie die Stiftung. Und: „Als es darum ging, für Refugio eine Stiftung aufzubauen, war für mich das medico-Modell eine wichtige Orientierung.“